Institut für Schädlingskunde

 

 

Probleme bei der Bekämpfung von Wanderratten

 

Um Ratten in Wohnhäusern erfolgreich bekämpfen zu können, ist der Schädlingsbekämpfer auf die Unterstützung der Bewohner angewiesen (Stichwort: Hygiene). Hier sollen die Erfahrungen bei der Bekämpfung von Wanderratten in einem Zweifamilienhaus geschildert werden, in dem Wanderratten nahezu paradiesische Lebensbedingungen vorfanden. Der Artikel wurde ursprünglich in der DpS-Ausgabe 4/2005 veröffentlicht. Die Angaben zur Wirksamkeit der aufgeführten Rodentizide sind daher nicht mehr aktuell, was bei der Bekämpfung von Wanderratten berücksichtigt werden sollte.


Rattenbekämpfung in einem Zweifamilienhaus

Bei dem Objekt, in dem die Rattenbekämpfung am 18.5.2004 begonnen wurde, handelt es sich um ein Zweifamilienhaus am Rande eines Darmstädter Gewerbegebietes, in dem bereits seit Jahren ein Befall mit Wanderratten (Rattus norvegicus) bestand. Frühere, sporadische Versuche der Bewohner die Rattenplage mit Giftködern in den Griff zu bekommen, waren gescheitert. Direkt vor dem Haus verläuft eine vielbefahrene Straße, hinter dem Grundstück befindet sich eine Bahnlinie. Nur drei Meter von dem Wohnhaus entfernt liegt ein zweigeschossiges, älteres Backsteinhaus, das aufgrund akuter Einsturzgefahr nicht mehr betreten werden darf. Im Mauerwerk dieses Hauses befinden sich überall Risse und Löcher, durch die hindurch Ratten in das Gebäude gelangen, wie die zahlreich vorhandenen Fußspuren belegen. Zu der Anlage gehört darüber hinaus ein Schuppen, der früher als Hühner-, bzw. Kaninchenstall genutzt wurde. Mittlerweile wird hier Müll und Gerümpel jeglicher Art aufbewahrt (s. Abbildung 1). Auf dem Gelände befinden sich zahlreiche Hecken, Bäume, sowie eine kleine Wiese. Nicht weit entfernt liegt die kommunale Kläranlage. Direkt vor dem Haus befindet sich ein ca. fünf Meter hoher Birnbaum (s. Abbildung 2).

 

Wanderratte (Rattus norvegicus)

Abbildung 1: Ein solcher Schuppen, in dem Müll und Gerümpel jeglicher Art aufbewahrt wird, bietet der Wanderratte (Rattus norvegicus) ideale Lebensbedingungen

Wanderratte (Rattus norvegicus)

Abbildung 2: Über diesen Birnbaum verschafften sich die Wanderratten (Rattus norvegicus) Zugang zum Dachboden

 

Die Hausbewohner konnten regelmäßig beobachten, dass Wanderratten über diesen Baum auf das Dach gelangten. Von hier aus verschafften sich die Tiere Zugang zum Speicher. Auch auf dem Speicher befand sich zum Zeitpunkt der ersten Kontrollbegehung am 25.5.2004 eine große Menge Müll (s. Abbildung 3). Die Anwesenheit der Ratten ließ sich unschwer an einer Reihe von Kot- und Fressplätzen (s. Abbildung 4 und 5) feststellen. Eine auf dem Dachboden gelagerte Matratze war von den Ratten zerfetzt worden (s. Abbildung 6). Vermutlich war das Material für den Nestbau verwendet worden.

 

Wanderratte (Rattus norvegicus)

Abbildung 3: Auch auf dem Speicher fanden die Wanderratten (Rattus norvegicus) ideale Bedingungen vor

Wanderratte (Rattus norvegicus)

Abbildung 4: Zahlreiche Kotstellen verrieten die Anwesenheit der Wanderratten (Rattus norvegicus)

 

 

Wanderratte (Rattus norvegicus)

Abbildung 5: Die Wanderratten (Rattus norvegicus) fraßen unter anderem die auf dem Dachboden gelagerten Walnüsse

 

Wanderratte (Rattus norvegicus)

Abbildung 6: Eine auf dem Dachboden gelagerte Matratze war von den Wanderratten (Rattus norvegicus) zerfetzt worden. Vermutlich wurde das Material für den Nestbau verwendet

 

 

Neben unzähligen Versteckplätzen fanden die Ratten auf dem Speicher Nahrung im Überfluss vor, da Hühnerfutter (Mais und Getreide) hier säckeweise gelagert wurden. Wie Abbildung 7 beweist, wurde diese Nahrungsquelle auch von den Wanderratten genutzt. Vom Speicher hatten sich die Ratten Zugang zum Treppenhaus verschafft, indem sie ein 4 cm hohes und 6 cm breites Loch in die Treppenhaustür genagt hatten (s. Abb. 8). Dort wo Wanderratten länger in einem Gebäude gelebt haben hinterlassen sie deutlich sichtbare Wechsel, die Nest-, Fraß- und Tränkplätze miteinander verbinden. Der auf Abbildung 8 zu sehende schwarze Strich in der Mitte des Durchgangs stellt ein Markierungspolster dar. Derartige Markierungspolster entstehen durch Abstreifen des Genitalfeldes bei gleichzeitiger Abgabe von Urin. Die Beläge heben sich wie auf dem Foto zu sehen ist dunkel von ihrer Unterlage ab, sind frisch leicht klebrig und haben einen typischen Geruch. Ein ähnliches Loch fand sich auch im Keller in der Tür zur Waschküche. In diesem Raum befanden sich Berge schmutziger Wäsche, die von den Hausbewohnern aus Angst vor darin nistenden Ratten nicht mehr gewaschen wurde. Auf einer der beiden Waschmaschinen lag am 25.5.2004 eine Tüte Popcorn, die an einer Stelle aufgerissen war und dessen Inhalt offensichtlich den Ratten als Nahrung diente. Somit wurde deutlich, dass innerhalb des Wohngebäudes zumindest Keller, Treppenhaus und Speicher von den Ratten besiedelt waren. Ob die beiden Wohnungen ebenfalls von Ratten bewohnt waren ließ sich nicht feststellen, da diese bei der Kontrolle nicht betreten wurden. Außerhalb des Gebäudes zeigte sich die Anwesenheit der Wanderratten anhand zahlloser Trittsiegel im Garten, sowie mehrerer Löcher im Zaun (s. Abb. 9).

 

Wanderratte (Rattus norvegicus)

Abbildung 7: Das auf dem Speicher gelagerte Hühnerfutter (Mais und Getreide) wurde von den Wanderratten (Rattus norvegicus) als Nahrungsquelle genutzt

 

Wanderratte (Rattus norvegicus)

Abbildung 8: Vom Speicher hatten sich die Wanderratten (Rattus norvegicus) Zugang zum Treppenhaus verschafft, indem sie ein 4 cm hohes und 6 cm breites Loch in die Treppenhaustür genagt hatten

Wanderratte (Rattus norvegicus)

Abbildung 9: Außerhalb des Gebäudes zeigte sich die Anwesenheit der Wanderratten (Rattus norvegicus) anhand zahlloser Trittsiegel im Garten, sowie mehrerer Löcher im Zaun

 

 

Rattenbekämpfung mit rodentiziden Fraßködern

Die Bekämpfung der Wanderratten wurde am 18.5.2004 mit dem Aufstellen von insgesamt 14 Köderboxen auf dem gesamten Gelände begonnen. Davon waren 5 auf dem Speicher, 5 im Keller und 4 weitere Köderboxen im Außenbereich platziert worden. Die Boxen waren mit den vergifteten Ködern Alpharatan-RAT-disk (Wirkstoff: Warfarin 0,075 %) und Klerat-Wachsblock (Wirkstoff: Brodifacoum 0,005 %) bestückt worden. Es handelt sich bei den Wirkstoffen Warfarin und Brodifacoum um sog. Cumarin-Derivate. Mehrere Tage nach Aufnahme des Gifts kommt es in verschiedenen Geweben (Schleimhaut, Haut, Gelenke, Gehirn, Atmungstrakt, Urogenitaltrakt und Magen-Darm-Trakt) zu Blutungen, an denen das Tier schließlich stirbt. Zur Verwendung als Rattengift bieten sich Cumarine wegen ihrer Wirkungsverzögerung an. Andere Tiere der Gruppe können so keinen Rückschluss auf die vergiftete Nahrung ziehen und diese meiden. Da diese Substanzen in gleicher Weise auch auf den Menschen wirken, sind bei der Arbeit mit den vergifteten Ködern folgende Vorsichtsmaßnahmen zu beachten:

- Tragen von Schutzhandschuhen
- Bei der Arbeit nicht trinken, essen oder rauchen
- Anschließend Hände waschen

 

 

Wirkungsweise von Cumarinen

Cumarine werden in der Medizin als gerinnungshemmende Arzneimittel eingesetzt (so genannte Antikoagulantien). Sie hemmen die Synthese von Vitamin K in der Leber und setzen damit die Gerinnungsfähigkeit des Blutes herab. Cumarine besitzen eine ähnliche Struktur wie Vitamin K. Vitamin K wird in der Leber bei der Synthese verschiedener Gerinnungsfaktoren wie Prothrombin, Faktor VII und Faktor IX benötigt. Die Cumarine binden anstelle des Vitamin K an das jeweilige Enzym, blockieren es und stoppen so die Bildung der betreffenden Gerinnungsfaktoren (kompetetive Hemmung). Die Wirkung tritt daher auch erst ein, nachdem die zum Zeitpunkt der Gabe des Cumarinderivats im Blut zirkulierenden Gerinnungsfaktoren teilweise verbraucht wurden. Dies ist erst nach ca. sechs Stunden der Fall. Das Wirkmaximum wird nach 36 - 48 Stunden erreicht.

Zur Verwendung als Rodentizide bieten sich Cumarine wegen ihrer in den Zubereitungen relativ niedrigen akuten Toxizität für Menschen an. Die gebräuchlichen Cumarine sind als Fertigköder nur als Gesundheitsschädlich (Xn) und nicht wie viele andere Rodentizide als giftig (T) oder hochgiftig (T+) eingestuft. Cumarine werden oft mit Sulfonamiden wie Sulfachinoxalin als Verstärker kombiniert, die die körpereigene Vitamin K-Synthese hemmen. Bei Vergiftungen mit Cumarinen muss unverzüglich Vitamin K als Antidot gegeben werden. Seine Wirkung beruht auf der Verdrängung der Cumarine von den Enzymen, die die genannten drei Gerinnungsfaktoren bilden. Auch hier besteht eine Verzögerung in der Wirkung, da die fehlenden Gerinnungsfaktoren erst nach und nach durch die Leber ersetzt werden können. Insbesondere bei einer Vergiftung durch Brodifacoum ist eine Langzeittherapie mit Vitamin K erforderlich. Im Notfall können die fehlenden Gerinnungsfaktoren direkt ersetzt werden. Der Wirkstoff Brodifacoum gehört zur 2. Generation der Antikoagulantien und wirkt im Vergleich zu Warfarin bereits in sehr viel geringerer Dosis (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Chemische Bezeichnung und LD50-Werte für die Cumarinderivate Warfarin, Brodifacoum und Difenacoum

Wirkstoff
Chemische Bezeichnung
LD50 (Wanderratte)
(mg/kg KG)
LD50 (Hund bzw. Katze)
(mg/kg KG)
Warfarin
4-Hydroxy-3-(3-oxo-1-phenylbutyl)cumarin
3,0
2,5 – 20 (Katze)
Brodifacoum
3-[3-(4'²-bromobiphenyl-4-yl)-1,2,3,4-tetrahydro-1-naphthyl]-4-hydroxycumarin
0,4-0,75
0,25 - 1,0 (Hund)
Difenacoum
3-(3-biphenyl-4-yl-1,2,3,4-tetrahydro-1-naphthyl)-4-hydroxycumarin
1,8 – 2,45
> 50 (Hund)


Bei der Kontrolle am 25.5.2004 waren lediglich in einer Box geringe Fraßspuren an den Alpharatan-RAT-disk-Ködern feststellbar. Somit wurde deutlich, dass die Köder von den Wanderratten nicht angenommen worden waren. Obwohl Wanderratten eine Vielzahl von Nahrungsquellen zu nutzen vermögen, ziehen sie doch ihnen bekannte und stets verfügbare Nahrungsmittel unbekanntem Futter vor. In dem hier geschilderten Fall hatten sich die Ratten vermutlich so an das auf dem Speicher gelagerte Körnerfutter gewöhnt, dass sie die ihnen unbekannten Köder mieden. Als nächste Maßnahme im Rahmen der Bekämpfungsaktion wurden daher zunächst alle den Ratten zugänglichen Nahrungsquellen entfernt. Zusätzlich wurden in den Außenanlagen weitere 9 Köderboxen aufgestellt. Sämtliche Köderboxen wurden nun mit einem neuen, selbst hergestellten Köder befüllt. Hierzu wurde das auf dem Speicher gelagerte Körnerfutter, mit dem Wirkstoff Difenacoum versetzt. Ein solches Vorgehen ist laut Gesetz nur dann erlaubt, wenn es sich bei dem verwendeten Wirkstoff um ein amtlich zugelassenes Produkt handelt. Die in Deutschland zuständige Behörde ist das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Es arbeitet dabei mit drei Bewertungsbehörden zusammen: der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft, dem Bundesinstitut für Risikobewertung und dem Umweltbundesamt. Das BVL veröffentlicht jedes halbe Jahr eine aktualisierte Liste der zugelassenen Pflanzenschutzmittel, zu denen unter anderem auch Rodentizide gehören. In der zum Zeitpunkt der Drucklegung des Artikels aktuellen Pflanzenschutzmittelliste vom 6. Dezember 2004 waren insgesamt 35 Rodentizide aufgeführt. 34 der aufgelisteten Produkte sind Fertigköder, lediglich bei dem hier verwendeten Difenacoum (0,25 %) handelt es sich um ein Köderkonzentrat.

Kurzcharakteristika des verwendeten Produkts:

Handelsbezeichnung: Difenacoum 0,25 %
Zulassungsnummer: 004187-00
Zulassungsdauer: 18.06.2004 bis 31.12.2014
Wirkungsbereich: Rodentizid
Wirkstoffgehalt: 2.46 g/l Difenacoum (Grundkörper)
Formulierung: Köderkonzentrat
Gefahrenbezeichnung: Gesundheitsschädlich

Der Einsatz dieses selbst hergestellten Fraß-Köders erbrachte letztlich den gewünschten Erfolg. Der Köder wurde von den Wanderratten gut angenommen und in den darauf folgenden Wochen wurden nach Aussage der Hausbewohner nur noch sehr selten Ratten gesichtet. Auch die von den Wanderratten verzehrte Ködermenge ging kontinuierlich zurück. Aufgrund der nach wie vor bestehenden Hygieneprobleme, sowie der räumlichen Nähe zur kommunalen Kläranlage ist allerdings zu erwarten, dass sich nach Beendigung der Bekämpfungsmaßnahmen erneut Wanderratten ansiedeln werden. Aus diesem Grunde wurde das für das Gebäude zuständige Liegenschaftsamt darauf hingewiesen, dass eine Beseitigung des Mülls, der sich nach wie vor auf dem Gelände befindet, dringend erforderlich ist. Darüber hinaus wurde eine regelmäßige Rattenbekämpfung angeboten, die aber aus Kostengründen nicht angenommen wurde.

 

Literaturverzeichnis

Becker, K. (1990): Rattus norvegicus (Berkenhout, 1769) – Wanderratte. In: Niethammer, J. & Krapp, F.: Handbuch der Säugetiere Europas. Band 1: Nagetiere I. Aula-Verlag, Wiesbaden. Seiten 401 - 419.

 

Hinweis: Dieser Artikel über Erfahrungen bei der Bekämpfung von Wanderratten wurde ursprünglich in der DpS-Ausgabe 4/2005 veröffentlicht. Die Angaben zur Wirksamkeit der aufgeführten Rodentizide sind aufgrund der Entwicklung von Resistenzen bei Wanderratten gegenüber Cumarinderivaten nicht mehr aktuell.

 

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