Institut für Schädlingskunde

 

 

Der Pinselfüßer (Polyxenus lagurus)

 

Gelegentlich erhält das Institut für Schädlingskunde Tierarten zur Bestimmung zugeschickt, die zwar im Haus gefunden wurden aber keine typischen Schädlinge sind. In diese Gruppe gehört auch der Pinselfüßer (Polyxenus lagurus), der auf den ersten Blick leicht mit einer Anthrenuslarve verwechselt werden kann. Grund genug um die Art einmal näher vorzustellen.

Über 40 Jahre ist es jetzt her, dass Professor Herbert Weidner, der Begründer des Standardwerkes „Vorratsschädlinge & Hausungeziefer“ einen sehr ausführlichen Artikel über Polyxenus lagurus im DpS verfasst hat. Der auch heute noch lesenswerte Bericht befasst sich mit dem Massenauftreten von Pinselfüßern in einem strohgedeckten, nordfriesischen Ferienhaus. Seither wurden keine Berichte mehr veröffentlicht, die auf ein Vorkommen dieser Tiere im Haus hinweisen obwohl die Art in Deutschland weit verbreitet zu sein scheint.

Polyxenus lagurus gehört, systematisch gesehen, in die Klasse der Doppelfüßer (Diplopoda). Die Doppelfüßer wiederum werden in die Überklasse der Tausendfüßer (Myriapoda) eingeordnet, welche dem Stamm der Gliederfüßer (Arthropoda) angehört. Innerhalb der Klasse der Diplopoda wird Polyxenus lagurus den sog. Pinselfüßern (Familie Polyxenidae) zugerechnet. Im Gegensatz zu Insekten, die lediglich sechs Beine besitzen, haben Diplopoden deutlich mehr Beine – manche Tausendfüßerarten haben bis zu 350 Beinpaare. Das namensgebende Merkmal der Doppelfüßer oder Diplopoden ist eine Verschmelzung der Segmente zu Doppelsegmenten - jedes dieser Doppelsegmente besitzt daher auch zwei Beinpaare. Dieses Merkmal ist auch bei Polyxenus lagurus deutlich zu sehen, wenn man die Tiere von der Bauchseite aus betrachtet.

 

 

 

Der Borstenschwanz dient der Verteidigung

Polyxenus lagurus ist in Deutschland die einzige Art aus der Familie der Pinselfüßer (Polyxenidae). Im Gegensatz zu anderen Diplopodenfamilien besitzen Pinselfüßer keinen hartschaligen Körper, da die Kutikula keine Kalkeinlagerungen enthält. Die Art weist 13 Beinpaare auf. Die achtgliedrigen Antennen sind relativ kurz. Der ganze Körper der Tiere ist mit unterschiedlich langen Haaren bedeckt. So entspringt an jedem Körperring seitlich ein Büschel relativ langer Haare, welche die Beine verdecken. Auch Kopf und Rücken der Tiere sind mit Haaren besetzt. Sehr auffällig sind zwei Büschel langer Haare am Hinterende von Polyxenus lagurus die aus langen, am Ende gebogenen Haaren bestehen und stark an die Pfeilhaarbüschel von Anthrenus-Arten erinnern. So wie die Pfeilhaare von Museums- oder Teppichkäferlarven dienen auch die langen Haare am Hinterleib von Polyxenus lagurus der Abwehr von Freßfeinden wie zum Beispiel Ameisen. Wird ein Pinselfüßer von einer Ameise angegriffen, so streckt er ihr seine Haarbüschel entgegen. Einzelne Haare wickeln sich dann um Borsten am Körper der Ameise, worauf diese den Angriff abbricht. Diese Form der Verteidigung ist sehr effektiv und kommt auch bei anderen Arten der Gattung vor, wie Eisner et al. (1996) für eine nordamerikanische Polyxenus-Art nachweisen konnten. Polyxenus lagurus erreicht nur eine Länge von rund drei bis vier Millimetern und kann auch an glatten, senkrechten Flächen wie zum Beispiel Glas empor klettern.

 

Pinselfüßer (Polyxenus lagurus)

Abbildung 1: Der Pinselfüßer (Polyxenus lagurus) kann aufgrund seines Borstenschwanzes am Hinterleib auf den ersten Blick leicht mit einer Anthrenuslarve verwechselt werden

Pinselfüßer (Polyxenus lagurus)

Abbildung 2: In der Bauchansicht sind die 13 Beinpaare des Pinselfüßers (Polyxenus lagurus) gut zu erkennen

 


 

Der Flüssigkeitsbedarf kann durch Wasserdampf gedeckt werden

Die Art kommt in weiten Teilen Europas vor. Der natürliche Lebensraum sind Wälder. Besonders häufig findet man die Tiere unter der Rinde von Kiefern und anderen Nadelbäumen mit rissiger Borke. Aber auch auf Eichen oder Buchen sind die Tiere regelmäßig anzutreffen. Bevorzugt werden Grünalgen gefressen, die zum Beispiel auf Baumstämmen oder Steinen wachsen. Daneben ernähren sich die Tiere aber auch von Flechten oder abgestorbenem Laub. Bevorzugt werden kühle und feuchte Aufenthaltsorte. Gegenüber permanenter Trockenheit (< 60 % relative Luftfeuchtigkeit) und hohen Temperaturen (> 30°C) ist Polyxenus lagurus sehr empfindlich. Allerdings besitzen die Tiere die Fähigkeit ihren Flüssigkeitsbedarf bei hoher Luftfeuchtigkeit auch aus dem in der Luft enthaltenen Wasserdampf zu decken wie Studien von Wright & Westh aus dem Jahr 2006 belegen. Je nach Temperatur dauert die Gesamtentwicklung vom Ei bis zum adulten Tier zwischen sechs und acht Monate.

In der Regel kommt Polyxenus lagurus im Freiland vor, wo die Tiere beispielsweise in Trockenmauern oder an der Rinde von Bäumen leben. Da sie sehr gut klettern können ist es für sie kein Problem an Hauswänden hoch zu laufen und durch offene Fenster auch in Wohnungen einzudringen. Hier werden sie aufgrund der im Haus herrschenden niedrigen Lufttemperaturen in der Regel bald absterben. In dem von Weidner (1974) geschilderten Fall traten die Tiere regelmäßig vor allem im Juli in einem strohgedeckten Haus an der Nordsee-Küste auf, wo sie durch die Ritzen der Zimmerdecke fielen.

 

Wollkrautblütenkäfer (Anthrenus verbasci)

Abbildung 3: Die Larve des Wollkrautblütenkäfers (Anthrenus verbasci) besitzt eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Pinselfüßer

Kellerassel (Porcellio scaber)

Abbildung 4: Kellerasseln (Porcellio scaber) sind wie der Pinselfüßer (Polyxenus lagurus) auf feuchte Lebensräume angewiesen

 

 

Vorsicht - Verwechselungsgefahr mit Anthrenuslarven

Wie bereits erwähnt, können Pinselfüßer aufgrund ihres haarigen Erscheinungsbildes, ihres Borstenschwanzes und der geringen Körpergröße bei flüchtigem Hinsehen leicht mit den Larven verschiedener Anthrenus-Arten verwechselt werden. Anders als die Larven von Museumskäfern, Teppichkäfern oder Wollkrautblütenkäfern richtet Polyxenus lagurus jedoch keine Schäden an Wolltextilien oder Wollteppichen an. Eine Bekämpfung der Tiere ist in der Regel nicht notwendig, da sie in Wohnungen nicht lange überleben. Treten Pinselfüßer regelmäßig in Häusern auf, so muss nach der Ursache gesucht und diese dann beseitigt werden. Beispielsweise könnten sich die Tiere in Stapeln mit feuchtem Brennholz oder in feuchtem Heu auf dem Speicher von Scheunen vermehren. Sobald man die Entwicklungsorte beseitigt hat, wird auch der Befall aufhören.

 

 

 

Hinweis: Dieser Beitrag ist ursprünglich in der Oktober-Ausgabe 2013 des DpS (Fachzeitschrift für Schädlingsbekämpfung) veröffentlicht worden. Autoren: Dr. Martin Felke & Björn Kleinlogel).

 

Mehr Informationen zu Arten mit denen der Pinselfüßer verwechselt werden kann

Australischer Teppichkäfer (Anthrenocerus australis)

Berlinkäfer (Trogoderma angustum)

Bibernellen Blütenkäfer (Anthrenus pimpinellae)

Khaprakäfer (Trogoderma granarium)

Museumskäfer (Anthrenus museorum)

Teppichkäfer (Anthrenus scrophulariae)

Wollkrautblütenkäfer (Anthrenus verbasci)

 

Steckbriefe weiterer Schädlingsarten