Institut für Schädlingskunde

 

 

Lebensweise und Bekämpfung wichtiger Vorratsschädlinge

 

Neben Nagetieren wie der Wanderratte (Rattus norvegicus) oder der Hausmaus (Mus musculus) sind es v. a. Insekten und Milben, die tierische und pflanzliche Vorräte befallen. Wir möchten an dieser Stelle einige wichtige Vorratsschädlinge aus der Gruppe der Insekten vorstellen und auf das Schadpotenzial dieser Arten eingehen. Außerdem möchten wir einen kurzen Überblick über gängige Bekämpfungsmöglichkeiten geben. Abschließend sollen anhand einiger Fallbeispiele Bekämpfungsmaßnahmen aus der Praxis geschildert werden.

 

Jetzt neu: Seminar Vorratsschädlinge

 

Vorratsschädlinge können überall dort auftreten, wo Nahrungsmittel gelagert oder verarbeitet werden. In erster Linie sind Getreidespeicher, Lebensmittelproduzierende Betriebe, Mühlen, Bäckereien, Supermärkte, Großküchen und Vorratsspeicher betroffen. Mit befallenen Lebensmitteln gelangen die Schädlinge schließlich auch zum Endverbraucher. Aufgrund des internationalen Warenverkehrs sind die meisten ökonomisch bedeutenden Vorratsschädlinge mittlerweile weltweit verbreitet. Besonders aus den Tropen und Subtropen gelangen mit Nahrungsmittelimporten immer wieder vorratsschädliche Insekten nach Europa. Einige Arten, wie Kornkäfer (Sitophilus granarius), Getreidemotte (Sitotroga cerealella) oder Getreidekapuziner (Rhizopertha dominica) sind in der Lage sich in unbeschädigtem Getreide zu entwickeln. Andere Arten, wie der Rotbraune Reismehlkäfer (Tribolium castaneum) oder der Getreideplattkäfer (Oryzaephilus surinamensis) sind auf angefressenes, beschädigtes oder bereits gemahlenes Getreide angewiesen. Arten wie der Hefekäfer (Dienerella filum) oder der Behaarte Baumschwammkäfer (Typhaea stercorea) sind keine Vorratsschädlinge im eigentlichen Sinne, da sie sich weniger von der gelagerten Ware selbst als vielmehr von den sich dort entwickelnden Schimmelpilzen ernähren. Das massenhafte Auftreten von Moderkäfern deutet daher auf Pilzbefall der Ware hin, was wiederum auf zu feuchte Lagerungsbedingungen der Vorratsgüter zurückzuführen ist. Während die meisten vorratsschädlichen Insektenarten hauptsächlich Getreide und andere pflanzliche Erzeugnisse befallen, treten verschiedene Speckkäferarten (Familie Dermestidae) v. a. an Lebensmitteln tierischer Herkunft auf. Neben direkten Fraßverlusten verursachen vorratsschädliche Insekten an gelagerten Lebensmitteln noch weitere ökonomische Schäden. Beispielsweise wird die Ware durch Kot, Larvenhäute und Puppenhüllen der Schadinsekten kontaminiert. Durch die Stoffwechselaktivität der Tiere kann sich im Vorratsgut Kondenswasser bilden, was wiederum das Wachstum von Schimmelpilzen fördert. Zudem können Krankheitserreger übertragen werden.

 

Amerikanischer Reismehlkäfer (Tribolium confusum)

Abbildung 1: Amerikanische Reismehlkäfer (Tribolium confusum) kommen oft in Mühlen und Bäckereien vor und können durch eine Heißluftbehandlung bekämpft werden

Brotkäfer (Stegobium paniceum)

Abbildung 2: Brotkäfer (Stegobium paniceum) sind weit verbreitete Vorratsschädlinge, die häufig auch in Privathaushalten auftreten

 

 

 

Bekämpfung von Schadinsekten

Laut Reichmuth (1997) wird weltweit ca. 15 % der gesamten Getreideernte durch Pilze, Insekten, Vögel und Nagetiere zerstört, wobei Insekten für 80 % der Verluste verantwortlich gemacht werden. Dies verdeutlicht, dass Befallsvermeidung bzw. Bekämpfung von Insektenbefall in der Lebensmittelindustrie eine entscheidende Rolle spielen. Im Rahmen des Integrated Pest Management (IPM) werden zu diesem Zweck verschiedene technische, physikalische, biologische und chemische Verfahren miteinander kombiniert. Zu den mechanischen Verfahren gehört z. B. das Anbringen von Gazefenstern, die den Zuflug von vorratsschädlichen Käfern und Motten in Lagerhallen verhindern können. Wenn Getreide kühl und trocken gelagert wird, ist die Ansiedlung von Vorratsschädlingen erschwert. Zu den biologischen Verfahren gehört u. a. der Einsatz von Schlupfwespen, die entweder Eier oder Larven von vorratsschädlichen Insekten parasitieren. Bei der eigentlichen Bekämpfung kommen meist chemische Substanzen zur Anwendung.

 

Kontaktinsektizide

Bei den meisten Kontaktinsektiziden handelt es sich um Nervengifte, die von den Schadinsekten entweder über den Verdauungstrakt, die Atemöffnungen oder die Körperoberfläche (Kutikula) aufgenommen werden. Aktuell sind vom BVL lediglich die Wirkstoffe Dichlorvos, Pirimiphos-methyl, Pyrethrum und Piperonylbutoxid zur „Behandlung von Räumen zur Lagerung und Bearbeitung pflanzlicher Vorratsgüter, wie z. B. Getreide und anderer Produkte, gegen vorratsschädliche Insekten“ zugelassen. Das leichtflüchtige Kontaktinsektizid Dichlorvos aus der Gruppe der Organochlorpestizide ist bereits seit 1951 auf dem Markt. Der Wirkstoff führt in den Nervenzellen der Vorratsschädlinge zu einer kaum umkehrbaren Hemmung von bestimmten Enzymen, den Cholinesterasen. Hierdurch kommt es zu einem Anstieg des Neurotransmitters Acetylcholin, was zu Lähmungserscheinungen und letztlich zum Tod führt. Meist werden sog. Insektenstrips eingesetzt, die den Wirkstoff an die Raumluft abgeben. Alternativ kann Dichlorvos auch mit Hilfe von Nebelautomaten in den zu behandelnden Räumen verteilt oder als Spritzmittel verwendet werden. Durch den Einsatz von Dichlorvos werden allerdings nur die außerhalb der Vorräte vorkommenden Insektenstadien wie z. B. im Lager umherfliegende vorratsschädliche Käfer und Motten abgetötet. Innerhalb der Vorräte lebende Schadinsekten werden dagegen nicht erreicht.

Zum Teil enthalten Dichlorvos-Produkte zusätzlich die beiden Wirkstoffe Pyrethrum und Piperonylbutoxid. Pyrethrum wird aus Chrysanthemen-Blüten gewonnen und wurde schon in der Antike als natürliches Insektenvernichtungsmittel verwendet. Das Kontaktgift blockiert die spannungsabhängigen Natriumkanäle in den Nervenmembranen der Schadinsekten und ruft zunächst eine starke Erregung hervor. Später folgen Koordinationsstörungen, Lähmungen und schließlich der Tod der Tiere. Bei der Substanz Piperonylbutoxid handelt es sich um einen so genannten Synergisten, der die Wirkungsdauer des Pyrethrums verlängert.

Der Wirkstoff Pirimiphos-methyl wird als Spritz- und Sprühmittel unter dem Namen ACTELLIC angeboten und gehört in die Gruppe der organischen Phosphorsäureester. Pirimiphos-methyl ist zurzeit der einzige nicht gasförmige Wirkstoff, der zur direkten Behandlung von Getreide zugelassen ist. Die Substanz kann beispielsweise bei der Einlagerung von befallenem Getreide in das Lager auf den zulaufenden Getreidestrom gesprüht werden. Pirimiphos-methyl tötet alle Stadien der Schadinsekten, vom Ei bis zum adulten Insekt. Allerdings ist die Wirkung auf Arten wie den Kornkäfer (Sitophilus granarius), die sich innerhalb des Getreidekorns entwickeln, begrenzt. Pirimiphos-methyl ist darüber hinaus auch zur Desinfektion von leeren Lagerräumen vor der Neueinlagerung von Getreide zugelassen. Im Gegensatz zu gasförmigen Insektiziden wie Phosphorwasserstoff verleiht Pirimiphos-methyl der behandelten Ware während der Lagerung einen gewissen Schutz vor Neubefall.

 

Begasung

Zurzeit stehen zur Anwendung im Vorratsschutz nur noch Phosphorwasserstoff, sowie die inerten Gase Kohlendioxid (CO2) und Stickstoff (N2) zur Verfügung. Eine früher sehr gebräuchliche und effektive Behandlungsmethode stellte die Begasung mit Methylbromid (Brommethan) dar. Allerdings steht diese Substanz aufgrund ihrer Klimaschädigenden Wirkung seit dem Jahr 2004 nicht mehr zur Verfügung. Phosphorwasserstoff zeichnet sich durch eine hohe Toxizität gegenüber allen Insektenstadien aus und tötet bei sachgemäßer Anwendung und ausreichend hoher Dosierung auch Tiere ab, die innerhalb der befallenen Ware leben. Aufgrund seiner geringen Tendenz zur Rückstandsbildung handelt es sich bei Phosphorwasserstoff um einen vergleichsweise Verbraucherfreundlichen Wirkstoff. Phosphorwasserstoff entsteht zum einen wenn ein Feststoff aus Magnesium- oder Aluminiumphosphid in Tabletten- oder Pelletform mit der Luftfeuchtigkeit reagiert. Zum anderen stehen auch Gasgemische aus Phosphorwasserstoff und Stickstoff (20,7 g PH3/kg N2) zur Verfügung. Inerte Gase wie Kohlendioxid (CO2) und Stickstoff (N2) sind reaktionsträge und töten Eier, Larven, Puppen und die Imagines der Schadinsekten durch die Verdrängung von Sauerstoff ab. Durch den Einsatz reiner Inertgase kann der Sauerstoffanteil der Luft in gasdicht verschlossenen Räumen auf bis zu 3 % gesenkt werden. Der Vorteil beim Einsatz von inerten Gasen ist, dass keine Rückstände entstehen. Nachteilig sind die hohen Kosten, sowie die vergleichsweise lange Dauer der Anwendung von mindestens zwei bis drei Wochen. Außerdem schützen Kohlendioxid (CO2) und Stickstoff (N2) die Ware nicht vor einem Neubefall mit Schadinsekten. Die Dauer der Anwendung ist sehr stark von der Temperatur abhängig. Bei hohen Temperaturen, und somit bei einem entsprechend hohen Stoffwechsel der Schadinsekten, tritt der gewünschte Bekämpfungserfolg wesentlich schneller ein als bei niedrigen Temperaturen. So beträgt die erforderliche Einwirkzeit von Kohlendioxid in gasdichten Silozellen ohne Kreislaufbegasung bei einer Getreidetemperatur von 5 bis 15°C sechs Wochen. Bei einer Getreidetemperatur von 30 bis 35°C verkürzt sie sich auf vier Tage. Die für einen hundertprozentigen Bekämpfungserfolg notwendige Einwirkzeit wird durch eine kombinierte Anwendung von Kohlendioxid und hohem Druck stark verkürzt. Bei Hochdruck von etwa 20 bar werden auch in dicht gepackter Ware alle Insektenstadien innerhalb weniger Stunden abgetötet. Der Einsatz von Kohlendioxid unter hohen Drücken erfordert die Anschaffung von druckfesten Stahlkammern. Die hohen Drücke verursachen einen gesteigerten Kohlendioxid-Verbrauch, wodurch ebenfalls höhere Kosten anfallen.

 

Insektenbekämpfung mit hohen bzw. tiefen Temperaturen

Vor allem seit dem Verbot von Methylbromid, sowie dem Auftreten von Resistenzen gegenüber Phosphorwasserstoff gewinnt der Einsatz von physikalischen Verfahren im Vorratsschutz zunehmend an Bedeutung. Vorteilhaft ist auch, dass es sich hierbei um Bekämpfungsverfahren handelt, bei denen keine Rückstände entstehen. Hinsichtlich der Empfindlichkeit gegenüber hohen und tiefen Temperaturen bestehen zwischen den einzelnen vorratsschädlichen Insektenarten große Unterschiede. Auch die verschiedenen Stadien der einzelnen Arten zeigen sich unterschiedlich empfindlich. Hinsichtlich hoher Temperaturen wird allgemein davon ausgegangen, dass bei 60°C eine dreiminütige und bei 55°C eine einstündige Exposition zum vollständigen Absterben aller Entwicklungsstadien führt.

 

Einsatz von Nutzarthropoden

Vorratsschädlinge können auch durch den Einsatz von verschiedenen Nutzarthropoden wie Raubmilben, Wanzen und Schlupfwespen bekämpft werden. Diese Methode stellt eine weitere Alternative zu den mit Rückstandsbildung verbundenen, chemischen Verfahren dar. Der Einsatz von Nutzarthropoden ist nicht für die vollständige Befalls-Beseitigung geeignet. Allerdings kann bei längerer Lagerung von Vorratsgütern eine Massenvermehrung von Schadinsekten verhindert werden.

 

Wichtige Vorratsschädlinge

 

Kornkäfer

Der Kornkäfer (Sitophilus granarius) ist weltweit einer der wichtigsten Vorratsschädlinge. Ursprünglich stammt die Art aus Vorderasien und Indien. Die dunkelbraunen, etwa 3,8 bis 5,1 mm langen Käfer besitzen einen rüsselförmig verlängerten Kopf und werden daher auch in der Familie der Rüsselkäfer (Curculionidae) geführt. Da die Flügeldecken miteinander verwachsen sind, ist der Käfer flugunfähig. Der Kornkäfer befällt Weizen, Roggen, Hafer, Gerste, Mais, Buchweizen, Mehl, Kleie, Schrot, Mandeln, Erdnüsse, Erbsen, Bohnen und Soja. Vom Ei bis zur Puppe findet die Entwicklung im Getreidekorn statt, das dabei fast vollständig ausgefressen wird. Falls die Kornfeuchte unter 9 % sinkt, ist eine Vermehrung der Käfer nicht mehr möglich. Bei einer Temperatur von 27°C dauert die Entwicklung vom Ei bis zum Käfer zwischen 29 und 34 Tagen. In geheizten Lagerräumen treten 3 bis 4 Generationen pro Jahr auf. Theoretisch wären pro Jahr von einem einzigen Weibchen 250.000 Nachkommen möglich, was dem Verlust von etwa 6 kg Getreide entspricht. Zusätzlich zu den Fraßschäden entstehen Verluste, da das Getreide sekundär von Schimmelpilzen und Milben befallen wird. Um einen Kornkäfer-Befall zu verhindern, sollten leere Lagerräume vor der nächsten Einlagerung von Getreide stets gründlich gereinigt werden. Prophylaktisch kann auch das Kontaktinsektizid Pirimiphos-methyl eingesetzt werden. Zur Bekämpfung in Silos und Lagerhallen werden Stickstoff, Kohlendioxid und Phosphorwasserstoff eingesetzt. Um auch die sich innerhalb der Getreidekörner entwickelnden Präimaginalstadien bekämpfen zu können, ist auf eine ausreichend lange Einwirkzeit des verwendeten Gases zu achten.

 

Rotbrauner Reismehlkäfer

Ebenso wie der wesentlich bekanntere Mehlkäfer gehört auch der Rotbraune Reismehlkäfer (Tribolium castaneum) der Familie der Schwarzkäfer (Tenebrionidae) an. In der Lebensmittelverarbeitenden Industrie gilt die Art als gefürchteter Vorratsschädling, der v. a. in Mühlen und Getreidesilos auftritt. Aufgrund seiner tropischen Herkunft ist der Rotbraune Reismehlkäfer sehr kälteempfindlich und kommt unter mitteleuropäischen Bedingungen v. a. in warmen Großmühlen vor. Die Art ist flugfähig und kann sich bei höheren Temperaturen auch aktiv durch Flug verbreiten. Die hellrot-braunen Käfer haben einen länglich-schmalen Körper und erreichen eine Körperlänge von 3 bis 4 mm. Kopf und Halsschild erscheinen etwas dunkler als die Flügeldecken. Die Fühler haben eine deutlich abgesetzte, dreigliedrige Endkeule. Die Lebensdauer der Käfer beträgt normalerweise 7 bis 8 Monate. In dieser Zeit legt das Weibchen bis zu 1.000 Eier ab. Unter optimalen Bedingungen (32 bis 37°C und 70 % relativer Luftfeuchtigkeit) ist die komplette Entwicklung vom Ei bis zum adulten Insekt nach 27 bis 35 Tagen abgeschlossen. Temperaturen unter 20°C werden nur kurzfristig toleriert.

Unter geeigneten Bedingungen erreicht der Rotbraune Reismehlkäfer schnell hohe Populationsdichten und kann massive Schäden an verschiedenen Lebensmitteln verursachen. Die Art tritt meist zusammen mit anderen Vorratsschädlingen auf und befällt v. a. beschädigtes oder geschrotetes Getreide, Hirse, Mehl (v. a. Reismehl) und andere Getreideerzeugnisse. Die Larven bohren sich in Getreidesamen ein und fressen im Verborgenen. Neben den direkten Fraßverlusten werden die Nahrungsmittel durch Kot und feines Fraßmehl verunreinigt. Darüber hinaus wird die Qualität der Lebensmittel durch die von den Käfern abgegebenen Chinone gemindert. Bei diesen Substanzen handelt es sich um insektizide und fungizide Stoffe, denen nach neuesten Untersuchungen auch eine krebserregende Wirkung zugesprochen wird. Aufgrund der abgegebenen Chinone verfärbt sich Mehl rosa, nimmt einen spezifischen Geruch an und verliert seine Backfähigkeit. Auch Geschmack und Geruch von Backwaren werden beeinträchtigt. Tritt die Art in Silos oder Lagerhallen auf, so stellt die Begasung des Gebäudes eine effektive Bekämpfungsmöglichkeit dar.

 

Kornkäfer - Sitophilus granarius

Abbildung 3: Der Kornkäfer (Sitophilus granarius) ist weltweit einer der wichtigsten Vorratsschädlinge

Rotbrauner Reismehlkäfer (Tribolium castaneum)

Abbildung 4: Der Rotbraune Reismehlkäfer (Tribolium castaneum) ist ein Vorratsschädling, der hauptsächlich in Mühlen und Bäckereien lebt

 

Getreideplattkäfer

Der zu den Plattkäfern (Silvanidae) gehörende Getreideplattkäfer (Oryzaephilus surinamensis) gehört weltweit zu den bedeutendsten Vorratsschädlingen. Der mit 2,2 bis 3,3 mm relativ kleine Käfer ist graubraun gefärbt. Auf beiden Seiten des Halsschilds befinden sich jeweils 6 vorspringende, etwa gleich große und spitze Zähnchen. Die elfgliedrigen Antennen weisen eine dreigliedrige Endkeule auf. Der zur Entwicklung notwendige Temperaturbereich liegt beim Getreideplattkäfer zwischen 18 und 37,5°C. Die Luftfeuchte muss zwischen 10 und 90 % relativer Luftfeuchtigkeit liegen. Die Eiablage erfolgt bei Temperaturen von mehr als 25°C. Insgesamt können bis zu 500 Eier abgelegt werden. Unter optimalen Bedingungen, d. h. 31 bis 35°C und 70 bis 80 % relativer Luftfeuchtigkeit dauert die Entwicklung vom Ei bis zum Käfer lediglich 20 bis 25 Tage. Dieser kurze Entwicklungszyklus ist der Grund dafür, dass sich eine Population des Getreideplattkäfers bei optimalen Bedingungen innerhalb von 6 Wochen um den Faktor 70 bis 100 vermehren kann. Der Getreideplattkäfer und seine Larven ernähren sich hauptsächlich von verschiedenen Getreideprodukten, Müsli, Keksen und anderen kohlehydratreichen Nahrungsmitteln. Der Getreideplattkäfer hinterlässt kein typisches Fraßbild. Die befallene Ware ist von Kotpartikeln, leeren Larven- und Puppenhüllen sowie von Mehlstaub durchsetzt.

Bei einer starken Vermehrung der Käfer bilden sich im Lagergut sog. „Nester“ und lokal kommt es zu einer Erwärmung der befallenen Ware. Dies führt zu einer weiteren Beschleunigung der Entwicklung. Letztendlich steigt die Feuchtigkeit im Brutsubstrat durch die Stoffwechselaktivität der Tiere stark an und es setzt ein verstärktes Pilzwachstum ein. Dies wiederum führt dazu, dass sich verschiedene Milbenarten explosionsartig vermehren können. Um einem Befall mit dem Getreideplattkäfer vorzubeugen, müssen leere Lagerräume vor der Neueinlagerung von Getreide gründlich gesäubert werden. Bei Bedarf kann auch das Kontaktinsektizid Pirimiphos-methyl eingesetzt werden. In Lebensmittelverarbeitenden Betrieben kann befallenes Lagergut mit Phosphorwasserstoff begast werden.

 

Getreidemotte

Die Getreidemotte (Sitotroga cerealella) gehört der Familie der Palpenmotten (Gelechiidae) an und ist mittlerweile nahezu weltweit verbreitet. Aufgrund ihrer tropischen Herkunft ist die Getreidemotte nicht in der Lage niedrige Temperaturen zu überleben. Die Falter erreichen eine Länge von ca. 8 mm und eine Flügelspannweite von ungefähr 18 mm. Sowohl die Vorder- als auch die Hinterflügel sind bei dieser Art lang gestreckt, zugespitzt und tragen am Hinterrand lange Fransen. Die Vorderflügel weisen eine lehmgelbe bis bräunliche Färbung auf. Abgesehen von vereinzelten schwarzen Schuppen fehlt ihnen jegliches Zeichnungsmuster. Die Hinterflügel sind grau gefärbt. Die Weibchen legen im Lauf ihres Lebens bis zu 400 Eier ab, die sie bevorzugt an der Oberfläche von feuchtem, noch nicht ganz ausgereiftem Getreide deponieren. Die gesamte Entwicklung der Larve vollzieht sich im Getreidekorn, das vollständig ausgehöhlt wird. Kurz vor der Verpuppung frisst die Larve ein 1 bis 2 mm großes, rundes Loch in die Schale, das anschließend teilweise mit einem Gespinst verschlossen wird. Der schlüpfende Falter verlässt das Brutsubstrat durch die von der Larve angelegte Öffnung im Korn. Der Falterflug erfolgt in Mitteleuropa von Mai bis Juni.

Das Lagergut wird durch den Kot und die Gespinste der Larven verunreinigt und ist daher für eine Weiterverarbeitung zu Lebensmitteln nicht geeignet. Sekundär kann das entstehende Fraßmehl verschimmeln und von Milben besiedelt werden. Eine Verschleppung der Art erfolgt durch befallene Lebensmittel. Um bei einem Getreidemottenbefall die Befallsstärke zu ermitteln, können Pheromonfallen eingesetzt werden, mit deren Hilfe ganz gezielt die Mottenmännchen gefangen werden. Zur eigentlichen Bekämpfung wird in Lebensmittellagern das leichtflüchtige Kontaktinsektizid Dichlorvos eingesetzt. Ziel der Bekämpfungsmaßnahmen sind herumfliegende Falter und die auf der Oberfläche des Lagerguts befindlichen Eier. Zur biologischen Bekämpfung der Getreidemotte können parasitische Schlupfwespen eingesetzt werden. Bei Lariophagus distinguendus handelt es sich um einen sog. Larvalparasitoid, der die im Inneren von Getreidekörnern lebenden Larven verschiedener Vorratsschädlinge parasitiert. Trichogramma evanescens ist dagegen ein Eiparasitoid. Alle Arten der Gattung Trichogramma belegen vorwiegend die Eier von Kleinschmetterlingen mit ihren eigenen Eiern. Anschließend entwickeln sich die Larven dieser Eiparasitoide in den parasitierten Eiern.

 

Getreideplattkäfer - Oryzaephilus surinamensis

Abbildung 5: Der Getreideplattkäfer (Oryzaephilus surinamensis) gehört weltweit zu den bedeutendsten Vorratsschädlingen

Getreidemotte (Sitotroga cerealella)

Abbildung 6: Die Getreidemotte (Sitotroga cerealella) gehört zur großen Gruppe der aus den Tropen stammenden Vorratsschädlinge

 

Speisebohnenkäfer

Der Speisebohnenkäfer (Acanthoscelides obtectus) ist ein weltweit bedeutender Vorratsschädling aus der Familie der Samenkäfer (Bruchidae). Nur die Larven treten als Schädlinge an verschiedenen Arten von Hülsenfrüchten auf. Die Käfer ernähren sich nur noch von Blütenpollen. Die Käfer haben eine längsovale Gestalt und sind zwischen 2,5 und 4 mm lang, wobei das Vorderende im Vergleich zum Hinterende etwas zugespitzt erscheint. Die Flügeldecken weisen dunkle Längsbinden auf und bedecken den Hinterleib nicht vollständig. Die Oberseite erscheint insgesamt gelbgrün bis bräunlich, das Hinterleibsende (Pygidium) ist gelb-rot behaart. Sowohl Beine als auch Fühlerbasis sind rot-braun gefärbt.

Speisebohnenkäfer legen ihre insgesamt 50 bis 100 Eier einzeln oder in kleinen Gruppen direkt an den Bohnen ab. Die Gesamtentwicklung vom Ei bis zum Käfer dauert bei 30°C ca. 4 Wochen, bei 20°C kann sie sich auf 2,5 bis 3 Monate verlängern. Der Speisebohnenkäfer befällt verschiedene Hülsenfrüchte wie Busch- und Stangenbohnen, Erbsen, Saatwicken, Kichererbsen und Sojabohnen. Durch den Larvenfraß werden die Hülsenfrüchte für den menschlichen Verzehr unbrauchbar gemacht. Darüber hinaus wird die Keimfähigkeit reduziert. Ausschlüpfende Käfer können Verpackungsmaterial zerstören. Prophylaktisch können leere Lagerräume vor der Einlagerung von neuem Saat- oder Vorratsgut mit dem Kontaktinsektizid Pirimiphos-methyl behandelt werden. Auch eine thermische Behandlung der Ware kann die verschiedenen Entwicklungsstadien des Speisebohnenkäfers abtöten. Bei Temperaturen von mehr als 55°C kann ein Käferbefall beseitigt werden. Tritt die Art in Silos oder Lagerhallen auf, so bietet sich das Begasen des Gebäudes mit Stickstoff, Kohlendioxid oder Phosphorwasserstoff an.

 

Mehlkäfer

Der Mehlkäfer (Tenebrio molitor) gehört in die Familie der Schwarzkäfer (Tenebrionidae) und ist unter den vorratsschädlichen Insekten eine der größten Arten. Der fast 2 cm große, glänzende Käfer ist auf der Oberseite schwarzbraun und auf der Unterseite rotbraun gefärbt. Die lang gestreckten Larven, die auch als Mehlwürmer bezeichnet werden, erreichen vor der Verpuppung eine Länge von bis zu 3 cm. In Mitteleuropa dauert die gesamte Entwicklungszeit i. d. R. ein, manchmal auch zwei Jahre, wobei die Entwicklung bei zu niedrigen Temperaturen unterbrochen werden kann. Die Entwicklungsdauer hängt nicht nur von der Temperatur, sondern auch vom Brutsubstrat ab. In handelsüblichem Weizenmehl, der für Mehlkäfer günstigsten Nahrung, dauert die gesamte Entwicklung bei 27°C und 75 % relativer Luftfeuchtigkeit 127 bis 195 Tage. Larven sterben bei einer Temperatur von 5°C nach kurzer Zeit ab. Käfer und Puppen können dagegen selbst kurze Frostperioden überstehen. In erster Linie tritt der Mehlkäfer als Schädling an Getreideprodukten auf. Vor allem Mehl wird durch den Kot der Larven und die leeren Larvenhüllen verunreinigt. Eine gewisse Bedeutung kommt der Art auch als Hygieneschädling zu, da der Mehlkäfer als Zwischenwirt des Rattenbandwurms auftritt und diesen auch auf den Menschen übertragen kann. Man findet den Mehlkäfer u. a. in Getreidespeichern, Mühlenbetrieben, Bäckereien und Viehmastbetrieben. Mit verunreinigter Nahrung werden die Tiere auch in Privathaushalte eingeschleppt. Für Bekämpfungsmaßnahmen können Phosphorwasserstoff oder die inerten Gase Kohlendioxid bzw. Stickstoff eingesetzt werden. Darüber hinaus können auch thermische Verfahren angewendet werden.

 

Speisebohnenkäfer - Acanthoscelides obtectus

Abbildung 7: Der Speisebohnenkäfer (Acanthoscelides obtectus) ist ein Vorratsschädling, der Bohnen und andere Hülsenfrüchte befällt

Mehlkäfer (Tenebrio molitor)

Abbildung 8: Der Mehlkäfer (Tenebrio molitor) gehört mit zu den größten, vorratsschädlichen Insektenarten

 

Fallbeispiele aus der Praxis

 

Dörrobstmotte

Die zu den Schmetterlingen gehörende Dörrobstmotte (Plodia interpunctella) wird ca. sechs bis neun mm lang, die Flügelspannweite beträgt ungefähr 15 bis 20 mm. In Ruhestellung ähnelt der Falter einem rotbraun bis bronzefarbenem, spitzem Dreieck, das in der Mitte eine breite, silberfarbene Unterbrechung aufweist. Die kurz vor der Verpuppung stehende Larve hat eine Länge von 14 bis 17 mm. Ihre Färbung kann je nach Ernährung weißlich, grünlich oder rötlich sein. Nach der Kopulation legt ein Dörrobstmottenweibchen zwischen 200 und 400 Eier meist direkt an das Nährsubstrat der Larven. Dies können z. B. Trockenobst, Müsli, Studentenfutter, Haselnuss- bzw. Mandelschokolade, Getreide- und Getreideprodukte sein. Im Anschluss an die Fressphase folgt eine 3- bis 10-tägige Wanderphase, an deren Ende sich die Larve an einem geschützten Ort verpuppt. In beheizten Wohnungen schlüpft der Falter bereits rund 2 Wochen später. Unter ungünstigen Bedingungen kann sich die Entwicklung aber auch über mehrere Monate erstrecken, was die Bekämpfung eines Dörrobstmottenbefalls stark erschwert. Die von Dörrobstmotten hervorgerufenen Schäden resultieren zum einen aus dem Larvenfraß und zum anderen aus der Verunreinigung von Lebensmitteln durch die Spinnfäden der Larven (Verklumpung) und Kot. Verunreinigte Nahrung ist nicht mehr für den Verzehr geeignet.

Spezielle Klebefallen werden eingesetzt um einen Dörrobstmottenbefall sicher nachzuweisen. Eine Bekämpfung der Motten ist mit dieser Methode allerdings nicht möglich. Durch den auf der Falle befindlichen Sexuallockstoff werden die Mottenmännchen angelockt und bleiben auf dem Haftstreifen kleben. Für den Menschen ist das verwendete Sexualpheromon nicht wahrnehmbar. Zur Bekämpfung der umherfliegenden Falter wird v. a. in Lebensmittellagern auch das leichtflüchtige Kontaktinsektizid Dichlorvos verwendet. Als biologische Gegenspieler stehen Schlupfwespen der Art Trichogramma evanescens zur Verfügung, die die Eier der Dörrobstmotten parasitieren.

 

Dörrobstmottenbefall im Supermarkt

Durch die Reklamation von Kunden wurde in einem Supermarkt ein starker Befall mit Dörrobstmotten offensichtlich. Betroffen waren die Tiernahrung, die Backzutaten, sowie die Schokolade. Zahlreiche Produkte waren mit Larven und deren Gespinsten verunreinigt. Außerdem konnten an der Decke des Supermarktes zahlreiche Falter nachgewiesen werden. Zunächst wurde potentiell befallene Ware gründlich untersucht und befallene Lebensmittel wurden unverzüglich vernichtet. Die jeweils neben befallener Ware stehenden Lebensmittel wurden ebenfalls entsorgt. Dann wurden die betroffenen Regalbereiche vollständig leergeräumt und abgebaut, um sie mit einem Hochdruckreiniger im Außenbereich gründlich zu reinigen. Hierbei wurden an den Regalen haftende Puppengespinste mit den darin befindlichen Puppen entfernt. Nachdem die Regale erneut aufgebaut waren, wurden die Pfosten sowie die Regalunterseiten mit einem Insektizid behandelt. Die Regaloberseiten wurden gründlich von Insektizidrückständen befreit. Die umherfliegenden Motten wurden mit einem Staubsauger abgesaugt. Als Ursache des Befalls konnte alte Ware ermittelt werden, die unter die Regale gerutscht war. Hier konnten sich die Motten ungestört vermehren und auch die andere Ware des Marktes befallen. Außerdem wurde beim Einräumen der Waren nicht gründlich auf die Regel „Alt vor Neu“ geachtet. Hierdurch verblieb ein Teil der Ware zu lange im Markt. Um zukünftig einen Befall frühzeitig zu erkennen, und so die Kosten für den Kunden gering zu halten, wurde ein Überwachungssystem für Dörrobstmotten mit Pheromonfallen eingerichtet. Hierzu wurden 6 Pheromonfallen in die Mitte der Regale platziert, in denen zuvor Dörrobstmotten aufgetreten waren. Im Abstand von 3 Wochen wurden die gefangenen Motten ausgezählt. Bei verstärktem Auftreten von Motten (ab 3 Tiere pro Falle) wurde in der Nähe der Falle nach befallener Ware gesucht. Mit dieser Methode konnte auf größere Reinigungs- und Bekämpfungsmaßnahmen verzichtet werden.

 

Dörrobstmottenbefall im Hochregallager einer Spedition

In einem Hochregallager einer Spedition wurden palettenweise Sonnenblumenkerne und Nüsse gelagert. Die Ware verblieb z. T. mehrere Monate im Lager. Es wurde mit Hilfe von 48 Pheromonfallen ein Überwachungssystem eingerichtet, um befallene Ware frühzeitig zu finden. Die Anzahl der pro Falle gefangenen Falter wurde in einem Lageplan des Lagers eingetragen. Auf diese Weise war es möglich die Regalbereiche ausfindig zu machen, von denen ein Befall ausging. Regelmäßig konnten einzelne Paletten mit Nüssen lokalisiert werden, die von Dörrobstmotten befallen waren. Befallene Ware wurde stets komplett entsorgt. Nach dem Entfernen der befallenen Ware wurde jeweils eine Vernebelung mit Pyrethrum im Lager durchgeführt, um die umher fliegenden Motten zu bekämpfen. Die Regale im Umfeld der befallenen Palette wurden zusätzlich mit einem Kontaktinsektizid behandelt.

 

Dörrobstmottenbefall im Trockenlager eines Hotels

Im Lebensmittellager eines Hotels kam es immer wieder zu Befall mit Dörrobstmotten, weshalb regelmäßig große Mengen Lebensmittel verworfen werden mussten. Die hier zur Bekämpfung durchgeführten Maßnahmen waren vergleichbar mit denen, die bereits im Fallbeispiel „Dörrobstmottenbefall im Supermarkt“ beschrieben wurden. Vermutlich wurden Dörrobstmotten stets aufs Neue mit befallenen Lebensmitteln eingeschleppt. Um eine dauerhafte Lösung des Problems zu erreichen, wurde daher ein Kühlaggregat in das Trockenlager eingebaut, welches die Raumtemperatur unter 10 Grad Celsius regulierte. Hierdurch konnten sich eventuell eingeschleppte Dörrobstmotten nicht weiter entwickeln und somit auch nicht weiter vermehren, womit das Problem auf Dauer gelöst werden konnte.

 

Kugelkäfer

Der Kugelkäfer (Gibbium psylloides) gehört in die Familie der Diebskäfer (Ptinidae) und kommt nahezu weltweit vor. Wie alle Diebskäfer besitzen die an Spinnen oder Milben erinnernden Kugelkäfer 11-gliedrige Antennen und 5-gliedrige (Fußabschnitte) Tarsi. Kopf, Halsschild und Flügeldecken sind unbehaart. Die Flügeldecken sind glatt und glänzend braunrot gefärbt. Die Körperlänge der Käfer beträgt 2,1 bis 3,2 mm. Die Tiere sind nicht in der Lage zu fliegen. Die Art kommt gelegentlich in Bäckereien, Fabrik- und Wohnräumen an allen möglichen Vorräten pflanzlicher und tierischer Herkunft wie Getreide, Gewürze, Fischmehl, Hundefutter oder Trockenfrüchte vor. Besonders häufig kommt es in Fachwerkhäusern zu Massenvermehrungen, wo Larven und Imagines in den Strohfüllungen von Zwischendecken leben. Larven und Imagines sind nachtaktiv. Den Tag verbringen sie dicht aneinander gedrängt in Ritzen und Spalten. Der Kugelkäfer wird sowohl als Hygiene- wie auch als Materialschädling angesehen. Nahrungsmittel und gelagertes Getreide werden nicht nur von den Larven, sondern auch von den Imagines angefressen und durch Kot, Larvenhäute und Puppenhüllen verunreinigt und so für den menschlichen Verzehr unbrauchbar gemacht. Darüber hinaus werden Verpackungsmaterialien zerstört, in die sich die Larven zur Verpuppung einbohren. Eine direkte Bekämpfung der Käfer bzw. ihrer Larven ist mit Hilfe verschiedener Kontaktinsektizide möglich. Tritt die Art in Silos oder Lagerhallen auf, so empfiehlt sich das Begasen des Gebäudes mit Stickstoff, Kohlendioxid oder Phosphorwasserstoff.

 

Kugelkäferbefall im Fachwerkhaus

In einem Fachwerkhaus wurde das Erdgeschoss zu einem Verkaufsraum umgebaut. Wenige Monate nach dem Umbau beschwerten sich die Betreiber der eingezogenen Boutique über das Auftreten von Kugelkäfern. Im gesamten Laden liefen Hunderte dieser Insekten umher. Vor dem Umbau des Gebäudes war nie ein Kugelkäfer im Objekt gesichtet worden. Es ist zu vermuten, dass die Käfer erst infolge der Umbaumaßnahmen in großer Zahl in das Erdgeschoss des Fachwerkhauses eindringen konnten. Die Tiere lebten in den Schüttungen der Decken, sowie in den Wänden des Hauses und ernährten sich von den pflanzlichen Bestandteilen der Wände (Lehm-Stroh-Gemisch). Zur Bekämpfung mussten diese Bereiche daher angebohrt und ein staubförmiges Insektizid (Silikatstaub mit Pyrethrumstaub) in die Hohlräume ausgebracht werden. Zur Applikation des Kontaktinsektizids wurden über 2.000 Löcher gebohrt. Im Anschluss an diese Maßnahme wurden nur noch vereinzelt Kugelkäfer beobachtet. Der Verkauf konnte weitergeführt werden.

 

Dörrobstmotte - Plodia interpunctella

Abbildung 9: Die Dörrobstmotte (Plodia interpunctella) ist ein Vorratsschädling, der eine Vielzahl von Nahrungsmitteln befallen kann

Kugelkäfer (Gibbium psylloides)

Abbildung 10: Der Kugelkäfer (Gibbium psylloides) tritt vermehrt in Fachwerkhäusern auf

 

Kräuterdieb

Der Kräuterdieb (Ptinus fur) wird wie der Kugelkäfer zu den Diebskäfern (Familie Ptinidae) gerechnet. Die Art wurde durch den Handel weltweit verbreitet und richtet insbesondere an trockenen Vorräten Schäden an. Im Freiland findet man die Tiere häufig in Vogelnestern. Die bräunlich gefärbten Käfer sind mit maximal 5 mm Länge relativ klein. Der Halsschild ist deutlich schmäler als die Flügeldecken und weist zwei Längsverlaufende Wülste auf, die von gelblichen Haaren besetzt sind. Außerdem fallen auf den Flügeldecken jeweils zwei längliche, helle Flecke auf. Die Antennen sind recht lang – eine Fühlerkeule wird nicht ausgebildet. Nur die Männchen können fliegen, da bei den Weibchen die Hinterflügel reduziert sind. Das Weibchen dieser relativ kältetoleranten Art legt bis zu 40 Eier mit der Längsseite an das Brutsubstrat ab. Unter optimalen Bedingungen (23°C und 70 % relativer Luftfeuchtigkeit) dauert die Entwicklung vom Ei bis zum Käfer etwas mehr als vier Monate. Sowohl Käfer als auch Larven sind in der Lage zu überwintern. Besonders häufig kommt der Kräuterdieb in Mühlen, Vorratslagern, Lebensmittelgeschäften und Haushalten vor. Die Art gilt als Vorratsschädling, da sowohl Larven als auch die Käfer diverses Vorratsgut befallen. Zu den befallenen Produkten zählen Getreide, Getreideprodukte, Backwaren, Tabak, Tee, Sämereien, Pfeffer, Paprika, Kakao, ausgestopfte Tierpräparate, Leder, Federn, Pelze sowie geräucherte Wurst- und Fleischwaren. Schlimmer noch als die Fraßtätigkeit der Tiere wirkt sich die Verunreinigung der befallenen Ware mit Kot und den bandförmigen Spinnfäden aus. Aufgrund der Abgabe von Spinnfäden durch die Larven kommt es zu einem Verklumpen des Brutsubstrats, das stark an einen Befall mit vorratsschädlichen Motten erinnert. Die verpuppungsreifen Larven können auf der Suche nach einem geeigneten Platz zur Verpuppung Lebensmittel-Verpackungen durchlöchern und so zusätzlichen Schaden anrichten. In Warenlagern kann befallene Ware mit Phosphorwasserstoff, Kohlendioxid und Stickstoff begast werden.

 

Kräuterdiebe in einer historischen Orgel

In einer wertvollen historischen Orgel traten Schäden an den Dichtungen der Orgel auf. Die Dichtungen waren aus Leder gefertigt und ein Austauschen der Dichtungen verursachte mehrere Tage Arbeit. In den letzten Jahren mussten die Dichtungen mehrmals gewechselt werden. Durch den Einsatz von Klebefallen konnte ein Befall mit dem Kräuterdieb für das Auftreten der Schäden verantwortlich gemacht werden. In die Orgel durften keine flüssigen Insektizide eingebracht werden, da die Orgelbauer hierdurch Schäden an der Orgel befürchteten. Die Lederdichtungen, sowie der gesamte innere Bereich der Orgel wurden daher mit dem staubförmigen Insektizid Ficam D behandelt, das den Wirkstoff Bendiocarb enthält. Im Anschluss an die Behandlung wurden zahlreiche tote Käfer in der Orgel gefunden, so dass davon auszugehen ist, dass die Maßnahme zum gewünschten Erfolg führte.

 

Gemeiner Speckkäfer

Der weltweit verbreitete Gemeine Speckkäfer (Dermestes lardarius) wird 7 bis 9,5 mm groß und ist gut an seinen zweifarbigen Flügeldecken zu erkennen. Nach der Überwinterung als Puppe schlüpfen die Käfer meist Anfang April. Optimal für die Entwicklung der Käfer ist eine Temperatur von 25 °C bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 65 %. Unter diesen Bedingungen beträgt die Entwicklungsdauer rund 48 Tage. In Mitteleuropa wird im Freiland i. d. R. nur eine Generation pro Jahr ausgebildet. In Lagern und Haushaltungen fressen die Larven an Speck, Schinken, Wurst, hartem Käse, Eiernudeln, Trockenfisch, ausgestopften Tieren, Insektensammlungen, Horn, Hufen, Leder und Rohfellen. Aufgrund ihrer Fähigkeit das Protein Keratin zu verdauen, können sie sich auch von Federn, Wolle und Fellen ernähren und auf diese Weise Textilien und Pelze zerstören. Zur Verpuppung bohren sich die Larven in Holz, Kork, Pappe, Papierlagen, Styropor, Tabakballen oder sogar Mörtel ein. Falls Speckkäfer in Massen auftreten, oder jahrelang nicht bekämpft werden, kann es durch dieses Verhalten zu massiven Schäden an Einrichtungsgegenständen kommen.

 

Starker Speckkäferbefall in einer Wohnung

Ein Mieter einer Wohnungsbaugesellschaft bezahlte über längere Zeit seine Miete nicht und reagierte nicht auf Anschreiben. Mit Hilfe eines Schlüsseldienstes verschaffte sich die Wohnungsbaugesellschaft Zutritt zur Wohnung und fand folgende Situation vor:

Der Mieter hatte seinen Schäferhund in der vollständig eingerichteten Wohnung zurückgelassen. Das Tier hatte auf der Suche nach Nahrung und Wasser die gesamte Wohnung durchsucht, in die Wohnung gekotet und war schließlich in der Mitte des Wohnzimmers verendet. Der Kadaver wurde von Fliegenlarven und Speckkäfern zersetzt, es blieb nur eine vertrocknete Mumie zurück. Larven des Gemeinen Speckkäfers verließen den Hundekadaver und bohrten sich zur Verpuppung in die Dehnungsfuge des Estrichs ein, wo sie für den Einsatz von Kontaktinsektiziden nicht erreichbar waren. Nachdem die Wohnung vollständig entrümpelt war, wurden eine Schädlingsbekämpfung, sowie eine Desinfektion durchgeführt. Aus vergleichbaren Befallssituationen mit Speckkäfern ist bekannt, dass die Applikation von Kontaktinsektiziden keinen Erfolg bringt, da vor allem die Puppen des Speckkäfers nicht erreicht werden können. Daher wurde der Wohnungsbaugesellschaft nahe gelegt, bei der Renovierung einen dichten Boden (Laminat) aufzubringen. Hierdurch konnten die Käfer nach dem Schlupf unter dem Boden eingesperrt werden. Im Anschluss an diese Maßnahme gab es kein weiteres Auftreten von Speckkäfern mehr in dieser Wohnung.

 

Kräuterdieb - Ptinus fur

Abbildung 11: Der Kräuterdieb (Ptinus fur) ist ein Vorratsschädling, der insbesondere an trockenen Vorräten Schäden anrichtet

Gemeiner Speckkäfer (Dermestes lardarius)

Abbildung 12: Der Gemeine Speckkäfer (Dermestes lardarius) ist gut an seinen zweifarbigen Flügeldecken zu erkennen

 

Anmerkung: Dieser Artikel wurde ursprünglich als zweiteiliger Beitrag in dem Fachjournal "Der Lebensmittelbrief" veröffentlicht (7/8 2006 und 9/10 2006). Die im Artikel aufgeführten Wirkstoffe bzw. Schädlingsbekämpfungspräparate sind mittlerweile z. T. nicht mehr als Schädlingsbekämpfungsmittel zugelassen.

 

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